Der Space*

Eine illustre Runde aus ganz Deutschland, aber mit deutlichem Fokus aus Rheinland/Ruhrgebiet sowie Berlin/Dresden, mit einigen Einsprengseln aus Norddeutschland und übertragenen „Grüßen aus München“ traf sich letzten Sonntag in der Deutzer Jugendherberge, wo wir über ein Thema diskutieren wollten, das als Idee schon seit mindestens Frühjahr 2011 herumgeistert, mal mehr, mal weniger: ein echter, Real-Life-Raum, in dem die Community allerlei „Sachen machen“ kann. Für sich selbst, für auswärtige Community-Mitglieder, für und mit der „Welt da draußen“ und Leute, die vielleicht sogar einfach mal so reinschauen.

Morgendliche Vorstellungsrunde im Workshop mit geographischer Verteilung. Foto: Ziko van Dijk, CC-BY-SA

Als „Mama des Kölner Stammtisches“ war ich von Beginn an zwiegespalten, was ich davon halten sollte. Einerseits habe ich sofort ein Bild vor mir, wie man gemeinsam „Dinge tut“ in einem gemütlichen und zweckmäßig eingerichteten Lokal irgendwo in einem netten Veedel von Köln. Die teils schwierige Raumsuche oder das Wohnzimmer-Aufräumen für Zedler-Jurytreffen, Schreibwettbewerbs-Jurytreffen, Lokale WLM-Jurytreffen, WLM-international-Evaluationstreffen, Radio-Interviews, Köln-Workshops, Live-Wikipedia-Nachhilfe, temporäre Fotostudios etc. würde wegfallen (das waren jetzt nur die „Sachen“, bei denen ich persönlich involviert war und an die ich mich erinnere).

Andererseits habe ich vor vielen Jahren bereits einmal „ehrenamtlich mit Raum“ verbindlichen Dienst getan, und dort war ich auch ein Jahr lang zuständig dafür, daß der Raum – ein Ladenlokal – einmal täglich 1,5 Std. besetzt war. Es war – trotz einer Gruppe von hochmotivierten Ehrenamtlichen – extrem anstrengend, und am Ende saß oft ich selbst im Laden, weil ich niemanden gefunden hatte. Die Vorstellung, einen Raum mit verbindlichem Zeitplan mit Ehrenamtlichen „bespielen“ zu müssen (das häufigste Wort am Sonntag), halte ich für extrem unrealistisch.

Aufnahme einer Chaosradiosendung zum Thema MediaWiki.
Aufnahme einer Chaosradiosendung zum Thema MediaWiki – privates Wohnzimmer.

Eine weitere Vorstellung waren die Erfahrungen in den ehemaligen Kölner C4-Clubräumen, die eine Zeitlang sogar als Muster für weitere Hackerspaces dienten. Die waren zu ihrer besten Zeit ziemlich cool und wir haben die Köln-Workshops mit den schönsten Erinnerungen dort organisiert, aber ich weiß, daß sich im C4 am Ende oft eine einzelne Person mit Putzen oder Müllraustragen beschäftigt hat. Und ich glaubte zu wissen, wer am Ende bei uns den Müll raustragen würde.

Die Idee waberte aber weiter durch den Raum, hier und da gab es Gespräche, und es kam der Gedanke auf, daß ja die von mir befürchtete Last der realen Infrastruktur von WMDE übernommen werden könnten, so daß für einzelne, die eh schon eine Menge „Dinge tun“, keine zusätzliche Arbeit anfällt. Z.B. auch mit Leuten, die dafür bezahlt werden. Und auch einfach mal zur Probe, um auszuprobieren, was daraus wird. Um das ganze Thema also mal auf etwas breitere Füße zu stellen, und die durch den Raum wabernden Ideen zusammenzuführen, gab es also am Sonntag den Workshop.

Aufeinander trafen starke Befürworter der Idee, Neugierige, „Ich will das auch in meiner Gegend“-Leute, und Skeptikerinnen wie ich, die von der großartigen Anna-Lena Schiller durch den Tag moderiert wurden. Während der Vormittag sich zunächst noch nicht so anfühlte, als könnten wir auch nur ein gemeinsames Ziel für den Tag formulieren und ein bestimmter Herr neben mir ganz zappelig auf dem Stuhl herumrutschte, weil es ihm nicht schnell genug voran ging (nein, das war nicht Achim), hatten wir doch einen ziemlichen Output, wenn es darum ging, was man mit so einem Raum alles anfangen könnte.

  • Zunächst einmal sind wir hier in einem Ballungszentrum. Allein zum Kölner
    Was man mit einem Community-Space alles anfangen könnte. Vieles gibt es schon, anderes wird erst möglich oder vereinfacht durch den Space. Foto: Ziko van Dijk, CC-BY-SA 3.0

    Stammtisch kommen regelmäßig Leute aus dem Dreieck Aachen – Düsseldorf – Bonn – Bergisches Land, das Ruhrgebiet ist nicht weit. Der Raum stünde also potentiell einem großen Personenkreis zur Verfügung.

  • „Dinge tun“: das Bild zeigt die vielen Ideen – Fokus für mich sind tatsächlich  die bereits existierenden Veranstaltungen (Musketiere, Jurysitzungen aller Art, Orgatreffen, auch Vereinstreffen wie z.B. die Jahresplanvorstellung), generell westlich von Berlin einen Raum zu haben, der für Events aller Art einfach da ist und nicht gesucht werden muß. Aber auch der Ansatz, daß – wenn der Raum einmal da ist – die Ideen von selbst dazukommen. (siehe auch das Chicken-Egg-Problem in Pylons Hackerspace-Vortrag, fand ich hilfreich in dem Zusammenhang).

Nachmittags kristallisierten sich für mich zwei scheinbar sehr unterschiedliche Szenarien heraus, die wir in Arbeitsgruppen einmal durchspielten. Für mich schien das – leicht überspitzt – so auszusehen:

  • „Ladenlokal mit angestelltem Superwikipedianer, der einem hereinströmenden Laufpublikum für alle Fragen – von Newbie-Aufnahme über Urheberrecht bis WP:BIO – zur Verfügung steht und auch den Müll rausträgt. Und die Community macht ihr Ding.“
  • „Eine Art Community-Clubräume für Veranstaltungen, unterstützt durch einen Pförtner oder Hausmeister, der sich um Orgakram, Schlüsselverwaltung und Putzen kümmert“

Wir gingen also in drei Arbeitsgruppen, von denen sich zwei mit diesen Szenarien  beschäftigen sollten. Auch im Hinterkopf, daß die beiden Lösungen sich ja nicht ausschließen, sondern sich eines aus dem anderen entwickeln könnte. Die dritte Arbeitsgruppe war mehr fürs Strategische zuständig: wie geht man vor, was wären die nächsten Schritte, was ist zu beachten etc.

Köln-Workshop 2006 – Räume des Chaos Computer Clubs, nicht mehr verfügbar. Foto: Superbass, CC-BY-SA 3.0

Das für mich Erstaunliche war, daß die beiden Szenarien am Ende gar nicht so weit auseinanderlagen: den Superwikipedianer fürs Laufpublikum hatte sich in Luft aufgelöst, aber „wenn mal jemand klingelt“, sollte auch ein möglicherweise anwesender Nicht-Ehrenamtler in der Lage sein, Fragen weiterzuleiten oder den Besucher an die richtigen Stellen zu verweisen. Die gewünschte Raumgröße unterschied sich kaum in den zwei Gruppen. Die Anforderungen an den Raum waren ähnlich. Telefon oder nicht (wer hört den AB ab?), aber das sind ja bereits Details.

Schreibwettbewerbs-Jury 2009 – privat organisierte Büroräume
Schreibwettbewerbs-Jury 2009 – privat organisierte Büroräume

Bleiben die Fragen, die anderswo stark problematisiert gesehen wurde: wie sehen die Strukturen aus? Wer trägt Verantwortung? Wer ist gegenüber wem weisungsbefugt? Was passiert, wenn sich die maßgeblichen ehrenamtlichen Protagonisten vor Ort, die sich alle auf ewige Zeit liebhaben, doch einmal unversöhnlich verkrachen? Budget? Hier wollen wir weitere Gespräche ansetzen, weitestgehender Konsens war jedoch, keinen unnötigen strukturellen Ballast aufzubauen. Man erinnert sich: Es soll für die lokale Community einfacher, nicht komplizierter werden.

Tonaufnahme für Wikisource – im privaten Wohnzimmer.

Meine Vision wäre ein Raum, der für kreative Dinge – die jetzt bereits passieren, von denen es aber mehr und mehr gibt – unkompliziert bereitsteht, und zwar von der und für die Community. Und von WMDE macht das, was es auf Wunsch fast immer macht bei Community-Aktivitäten: es bietet den benötigten rechtlichen Rahmen, unterstützt Orga und Infrastruktur. Wenn ich für WLM Köln einen Laserdrucker, Rollups, Infomaterial und 100 Euro für Verbrauchsmaterial brauche, schreibe ich eine Mail an community@wikimedia.de und am übernächsten Tag ist das Paket bei mir. Warum soll das nicht mit einem Raum ähnlich funktionieren? Würde gerne mal wieder ein paar Artikel gemeinsam vertonen, aber wo machen wir das? Der Schrank in unserem Schlafzimmer quillt über mit Flyern, Lanyards und Schulungsmaterial, wohin damit? Ihr wißt noch nicht, wo das nächste Musketiertreffen stattfinden soll? Kommt doch einfach in den Space.

Ich denke, es könnte eine Chance sein, Engagierten ihr Engagement einfacher zu machen. Wir werden es ausprobieren müssen, dann wissen wir, ob es funktioniert. Wenn es nicht funktioniert, lassen wir es wieder bleiben – aber wir haben etwas gelernt.

* Disclaimer: auch diese Darstellung ist POV, und der gehört mir ganz allein.

 

Bildlizenz: CC-BY-SA 3.0

14 comments

  1. Geolina

    Danke für den sachlichen Kommentar und die Gewichtung der Pro und Kontras, die mich durchaus auch bewegen. Wir waren offensichtlich doch auf der gleichen Veranstaltung.

  2. Stepro

    Danke für die Darstellung. Auch ohne dabei gewesen zu sein finde ich sie sehr neutral.
    Und ich wünsche mir, dass das klappt. Auch denke ich, dass Köln genau der richtige Ort für ein solches Pilotprojekt ist.

    • Tim-Moritz

      Hey, hatte gar nicht gesehen, dass du auch etwas verfasst hattest. Danke dafür, ich denke, unsere Berichte ergänzen sich gut. Deine Bebilderung ist natürlich etwas sachlicher und inhaltlich besser angebunden ;-)

  3. Alice

    Auch ich finde meinen Eindruck in dieser Darstellung viel mehr wieder als im Kurierbeitrag. Was bleibt, sind die in beiden Berichten angesprochenen offenen Punkte und ich hoffe, dass trotz der Gewitterlage noch Lust und Energie genug da ist, die anzugehen und Lösungen zu finden.

  4. Pingback: Wenn der Skeptikerin das Grinsen nicht aus dem Gesicht gehen will … | don't edit before breakfast

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>