Workshop Köln: mein POV

Da ich vorher nix dazu gebloggt habe, weil ich Überfüllung befürchtete, heute meine kleine persönliche Rückschau auf den Wikipedia-Workshop Köln, der von Freitagnachmittag bis gestern Abend in den Clubräumen des Kölner Chaos Computer Clubs stattfand. 

Freitagabend war der Anreise gewidmet: war unser Stammtisch-Urgestein Loegge bereits als erster nachmittags an Ort und Stelle, reisten aus Berlin die letzten erst nach 22 Uhr an, einige schafften es sogar erst am Samstag. Einige taten sich schwer, die Clubräume zu finden, was auch damit zu tun hatte, daß es die berühmte Wikipedia-Flagge nicht mehr bis Köln geschafft hatte. Henriette in ihrer Eigenschaft als Community-Managerin hatte uns mit den Berlinern eine Ladung nigelnagelneue T-Shirts geschickt, mit denen dann eine kleinen Modenschau stattfand: Rot-Gelb-Blau mit unterschiedlich attraktiven Sprüchen standen zur Wahl. Recht unterschiedlich auch die Bereitschaft der Anwesenden, mal eben vor der versammelten Community öffentlich das Shirt zu wechseln ;-) Diskussionen und Nerd-Modeberatung durch anwesende Frauen war inklusive („nein, Mathias, du brauchst wirklich kein XL“). 

Da unsere Übernachtungsgäste leider alle mehr oder weniger kurzfristig absagen mußten (diesmal kein Wodka mit Steschke, JC etc. :-(), konnte sich Schwarze Feder an der Luftmatratze und dem kleinsten Bad von Köln erfreuen.

Unsere Lieblingsbäckerin versorgte uns am Samstagmorgen mit 120 köstlichen Brötchen, und es ging zurück in den Club zum Frühstücken und an die Arbeit: Für die Vormittags-Arbeitsgruppe hatte Ziko ein paar Übungen zum verständlichen Schreiben vorbereitet, und wir kämpften dann wirklich fast eine Stunde um den Einleitungsabschnitt der Photosynthese; mir gefiel hier die sehr fruchtbare und intensive Zusammenarbeit von Geistes- und Naturwissenschaftlern. „Erklär’s mir nochmal: was genau wird hier in was verwandelt? Ist der Sauerstoff nicht wichtiger als die Glucose, warum nicht? Was sind höhere Pflanzen? usw.“ – es wurde klar, wie schwierig es ist, die „richtigen“ Worte zu finden. Ein wichtiges Fazit war jedoch auch, daß man zielgruppengerechte Verstehbarkeit bei Spezialartikeln von allgemeiner Laienverständlichkeit unterscheiden muß. Bei hochtheoretischen Artikeln aus der Quantenmechanik darf man sicher mehr voraussetzen als bei der genannten Photosynthese, die auch von Schülern der Mittelstufe nachlesbar sein sollte. In einem bleibe ich jedoch trotzig: ich als klassische „OMA“ will auch in einem mathematischen Artikel wenigstens den ersten Satz verstehen: worum geht’s, welches Gebiet, und wozu braucht man das? Anstrengend (die Luft wurde sehr dick…) aber produktiv. Und die neue Einleitung zur Photosynthese wurde auch nicht direkt revertiert ,-)

Anneke und Schwarze Feder hatten nachmittags ein paar Folien zum Stichwort „Nazipedia“ – gemeint ist der mögliche Einfluß rechtsextremer Kräfte auf Wikipedia-Artikel – vorbereitet und auch hier gab es eine lebhafte Diskussion. Kann man sich komplett auf unsere Richtlinien zu NPOV und reputablen Quellen verlassen und auf die Selbstheilungskraft des Wikiprinzips vertrauen? Oder gilt es, Kräfte, die nachweislich die Gesellschaft spalten und Minderheiten ausgrenzen wollen, aktiv auszugrenzen, damit (u.a.) nicht andere Gruppen (und Einzelpersonen, z.B. durch Zermürbung) dadurch ausgegrenzt werden und so der strukturelle Bias sich verschärft? Die Meinungen darüber gingen durchaus auseinander, aber es wurden Ideen, Anregungen und Literatur ausgetauscht. Im nachhinein betrachtet, hätte ich mir ein wenig mehr konkrete Beispiele für rechte Einflußnahme gewünscht, um ein mehr „Fleisch“ in die Diskussion zu bringen. 

Es war schon gegen 18 Uhr, als Lyzzy und Raymond noch erstaunlich viele Zuhörer zum Thema Support-Team hatten – Anfang nächsten Jahres soll es übrigens für Interessierte einen Schnupper-Workshop geben, wo man die Arbeit mal etwas intensiver kennenlernen kann. 

Trotz dicker Luft und einsetzender Müdigkeit ging es munter weiter. Höhepunkt des Abends das freie Vortragen von lyrischen und weniger lyrischen Texten von Sokrates über Schiller und Schwarze Feder bis Sido. Es war diese ganz besondere „Workshop“-Stimmung, die hier zum Tragen kam, die ich liebe, und deren Essenz man kaum beschreiben kann. Ein Ding daran ist vielleicht, daß sich Leute, die tagsüber noch Türen schlagen können oder sich in Diskussionen hart angehen, abends sehr persönlich gefärbte Texte vortragen und einander noch zuhören können. Wenn man drei Tage so eng aufeinanderhockt, verändert sich was (und das ist gut™ so!) 

Ja, und nach einer kurzen Nacht und ziemlich viel Sand in den Augen und einem Kratzen im Hals begann der Sonntag. Die auf zwei Stunden angesetzten Lightning Talks dehnten sich dann doch auf drei Stunden, währenddessen schon die ersten abreisen mußten.

Von der Zusammensetzung fand ich diesmal die vielen Sprachinteressierten sehr schön: Erdal von der kurdischen, Purodha von der ripuarischen, Ziko, maha, Piti… man hatte sich was zu sagen. Trotzdem auch eine Reihe von technischen Themen für unsere Nerds dabei ;-) 

Erdal grüßte uns alle von einem Bekannten aus dem Iran, der sehr begeistert von dem Gedanken war, daß sich Wikipedianer „einfach so“ ein Wochenende zum Arbeiten treffen können. Sowas sei in seiner Heimat undenkbar. Womit ich jetzt noch zum Thema Zensur und Grund- und Persönlichkeitsrechte kommen könnte, aber davon haben wir alle am Wochenende wohl genug gehört ,-) 

(elya)

4 Kommentare

  1. Guter Bericht, nur was bitte sind "Lightning Talks"? Zum Thema kollektives Erarbeten von Einleitungen sei an dieser Stelle auf http://glossr.de/ verwiesen. Dort versucht man ebenfalls (haupts??chlich auf BarCamps) verst??ndliche Definitionen zu finden. Ich stehe bereits mit dem Betreiber in Verhandlungen, was die Migration zu einer freien Lizenz angeht …

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  2. H??rt sich klasse an!Ich finde es toll, dass der Kölner Workshop schon zu einer Institution innerhalb der Wikipedia geworden ist :-)Liebe Grüße,Cornelius

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  3. Florian, Elya hat sich wohl bei der Wikimania inspirieren lassen, wo der Begriff „Lightning Talks??? Kurz-Gespräche zu bestimmten Themen umfasste. D.h. jeder konnte für ein paar Minuten über ein selbstgew??hltes Thema reden, anschlie??en gab’s eine Diskussion dazu.

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